Tote begraben

Impuls von Pater Gabriel Kleeb, gehalten in der Klosterkirche am 20. März 2016

Liebe Mitglaubende

Die Füchse haben bekanntlich ihre Höhlen, und auch die Toten haben ihre Höhlen. Sie haben ihre Urnen, ihre Wälder und Lüfte, sie haben ihre Berge und Seen.
Ein echtes Begräbnis kann bekanntlich Geld kosten, und es gibt in diesem Bereich die verschiedenen Preislagen. Ein Familiengrab, das über Jahrzehnte den Unterhalt braucht, ist kein Gemeinschaftsgrab. Neulich besuchte ich in Salzburg den Friedhof von St. Peter und habe entdeckt, dass sehr namhafte Leute in der Commune-Gruft liegen: der Musiker Michael Hayden oder die Schwester von Mozart, das Nannerl. Möchten wir nicht allen unseren Verstorbenen ein gutes Begräbnis wünschen? Das ist wohl die letzte gute Tat, die wir einem Angehörigen, einem Freund oder Bekannten erweisen können. Mit Schmerz verbunden, eine Tat der Liebe oder der Barmherzigkeit.

Der Tod ist ein Feind der Liebe; Gräber aber sind ein Kennzeichen für den Menschen. Intelligente Tiere bestatten bekanntlich nicht, auch nicht die höher entwickelten. In der Frühzeit gab man den Toten sogar Grabbeigaben mit: Schmuck, Werkzeuge, Nahrungsstücke. Ist damit vielleicht der Glaube an ein Weiterleben angezeigt? Man möchte den Toten helfen. Oder denken wir an die frühen Hochkulturen, an die Pyramiden in Ägypten etwa, auch an den Taj Mahall in Indien (Agra, 1632-1643). Grabmonumente wie diese sind eine Art Protest gegen den Tod. Schwere Steine, schöne Wände, sie sollten die Unsterblichkeit jener Toten garantieren. Was aber, wenn jemand nicht gerade Pharao war oder die Lieblingsfrau des Mogul-Kaisers? Wie wurden kleine Leute bestattet oder hatten sie überhaupt ein Grab?

Die Toten haben ihre Höhlen; ja, sie haben ihre Wälder, Berge und Meere. Es ist beachtlich, wie viele Menschen plötzlich Kerzen anzünden, wenn ein Flugzeug vom Himmel fällt oder ein Flugzeug unversehens so spurlos verschwindet. Für die Hinterbliebenen ist das wohl am schlimmsten. Es fehlen die Leichname. Und nirgends ein Ozean, der etwas blicken lässt. Aber auch für die Toten, denn so zu sterben ist kein Schleck. Gegen den jähen, unversehenen Tod können wir jeden Tag beten: zum Beispiel mit dem Ave Maria oder auch zum heiligen Josef, dem Patron der Sterbenden.

Kein Begräbnis zu erhalten galt in Israel als furchtbarer Fluch (vgl. Ps 79,3), und es gehörte zu der Strafe, die man den Übeltätern androhte (vgl. 1 Kön 14,11f; Jes 34, 3; Jer 22,18f.). Deshalb war es im Judentum ein Werk des Erbarmens und eine fromme Praxis. Daher kommen die Ermahnungen bei Jesus Sirach: "Dem Toten versag deine Liebe nicht" (Sir 7,33). - "Mein Sohn, um den Toten lass Tränen fliessen, trauere und stimm das Klagelied an! Bestatte seinen Leib, wie es ihm zusteht, verbirg dich nicht bei seinem Hinscheiden!" (Sir 38,16)
Der grosse Bestatter im Alten Testament ist bekanntlich Tobit. Noch aus der Zeit vor seiner Erblindung bekennt er: "Schon zur Zeit Salmanassars hatte ich den Brüdern meines Stammes aus Barmherzigkeit viel geholfen. Ich gab den Hungernden mein Brot und den Nackten meine Kleider; wenn ich sah, dass einer aus meinem Volk gestorben war und dass man seinen Leichnam hinter die Stadtmauer von Ninive geworfen hatte, begrub ich ihn. Ich begrub heimlich auch alle, die der König Sanherib hinrichten liess." (Tob 1,16f.)
Tobits Einsatz als Wohltäter und Bestatter reicht über den engen Familienkreis hinaus, er bestattet die Stammesbrüder und Angehörige seines Volkes.

Als Jesus einmal die Strasse entlang ging, sah er einen Jüngling. Dieser überzeugte ihn nach aussen und innen, warum er ihn ansprach: Du da, folge mir nach! Der Junge machte einen Einwand: Ja, ich komme, möchte aber vorerst meinen Vater bestatten. Doch das kümmert nun Jesus überhaupt nicht, denn er sagt zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes! (Vgl. Lk 9, 57-62).
Es ist ein ungewöhnlich kühner Satz, den Jesus hier sagt. Es zeigt, dass dieser Rabbi aus Nazareth fürs Leben beruft und ins Leben; er beruft für das Reich Gottes; ihm nachzufolgen ist darum weder bequem, noch gemütlich, noch bieder.
Jesus setzt sich hier über die normalste Anstandspflicht und Pietät hinweg: dass man nämlich Tote begraben soll, schon gar seinen eigenen Vater.

In der Rede vom Weltgericht bei Mt 25 knüpft er bekanntlich die Teilhabe am Reich Gottes an unser Verhalten zu den Armen und Geringen, den Elenden und Geschlagenen. "Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in Besitz, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! Denn ich war hungrig, und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war obdachlos und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet; ich war krank, und ihr habt mich besucht; Ich war im Gefängnis, und ihr seid zu mir gekommen." Es fällt auf, dass das siebte leibliche Werk der Barmherzigkeit, die Toten zu begraben, nicht genannt ist. Die Tat der Liebe am lebenden Menschen, der Hilfe braucht, ist für Jesus offenbar wichtiger als die Pietät gegenüber den Toten, deren Schicksal nicht mehr geändert werden kann.

"Die Füchse haben ihre Höhlen und die Vögel ihre Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann." (Lk 9,58) – Oh doch, der Menschensohn hatte einen solchen Ort, er bekam sein Grab. Dem geschundenen Leichnam überliess Josef von Arimatäa ein neues Grab. Sicher konnte er nicht wissen, was mit dem jungen Rabbi Jesus, der tot war, am dritten Tag geschieht.
Viele Menschen würden gerne ihren Toten bestatten, wenn sie es nur könnten. Stattdessen erinnert vielleicht ein Denkmal mit eingeschriebenen Namen an die Katastrophe. Ein paar Kerzen brennen noch, auch ein Blumenmeer ist da. Die Kirche kennt in solchen Situationen ein wertvolles Gebet: Herr Jesus, schenk den Verstorbenen die ewige Ruhe; das Ewige Licht leuchte ihnen! Herr, lasse sie ruhen in Frieden!

Ich meine: Selbst wenn ein Begräbnis Geld kostet, die Höhe oder Tiefe der Kosten ist nicht das Entscheidende. Zum Glück gibt es da auch die Gemeinschaftsgräber. Entscheidend ist, wo unser Herz bleibt für den Toten. Wo unser Herz für die Hoffnung ist, die wir für den Toten hegen. Klar ist da unser Gebet gefordert und der Glaube an Jesus, der tot war, es aber nicht mehr ist. Für die Beisetzung einer Urne oder beim Bestatten des Leichnams sollte man vom Ritus her herausspüren, dass jemand ein Christ ist und eine Hoffnung hat. Gott sei Dank ist das kirchliche Begräbnis bei den meisten noch immer in Gebrauch und für die Hinterbliebenen das Stimmigste und das Beste. Barmherzig handelt, wer seine Toten bestattet und für sie betet. Am Wirksamsten und Schönsten tröstet uns der auferstandene Herr, wenn er uns in der Eucharistie das Brot bricht und seinen Leib reicht. Amen.